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Putins Macht ist ungebrochen, doch Afghanistan-Szenario könnte gefährlich werden


Der Krieg in der Ukraine hat sich verändert. Was aus Sicht Wladimir Putins als Eroberung im Eiltempo geplant war, ist nach gut einem Monat erbitterter Gefechte zu einem zähen Kampf um die Städte Mariupol, Odessa und Kiew geworden. Keine Spur von einem pro-russischen Umschwung unter den Ukrainern, dem Brudervolk, das Putin laut eigener Propaganda von einem nazi-ähnlichen Unrechtsregime befreien will.

Stattdessen treffen seine Truppen auf heftigen Widerstand, teils mit Waffen aus dem Westen unterstützt. Hinzukommen Meldungen über diverse Probleme rund um die russische Armee, die von amateurhafter Kommunikation bis zu massiven logistischen Engpässen bei Verpflegung, Munition und Treibstoff reichen. 

Was davon wahr ist und was eher einem westlichen Wunsch-Narrativ zuzuschreiben ist, lässt sich im unübersichtlichen Kriegstreiben nicht bestätigen. Fest steht aber: Russlands Truppen kommen nur langsam voran und auch die Verluste dürften höher liegen, als vom Kreml ursprünglich einkalkuliert.

Dabei geht das US-Verteidigungsministerium derzeit von 7000 getöteten Russen aus und einer zwei- bis dreimal so hohen Zahl von Verletzten. Bei einer geschätzten Gesamtzahl von 160.000 Mann entspräche das je nach Schätzung einem Verlust-Anteil von mehr als zehn Prozent der eingesetzten Streitkräfte. In einem Bericht der „New York Times“ schätzen Vertreter des Pentagons , dass eine Armee bereits ab einem Verlust von zehn Prozent ihr Kriegsziel nicht mehr erfüllen kann.

Russlands Bevölkerung schart sich hinter Putin

In Russland selbst ist von der schleppenden militärischen Mission durch die Propaganda-Maschine des Kremls wenig zu hören oder zu lesen. Im Gegenteil: Putins Beliebtheitswerte erreichen, getragen von einer neo-patriotischen Stimmungswelle, derzeit Spitzenwerte. Wohl auch, weil die Folgen der westlichen Wirtschaftssanktionen kurzfristig noch zu stemmen sind. Gleichzeitig wird jeglicher Protest, sei es auf der Straße oder in den Medien, mit voller Härte unterdrückt.

Mit großem innenpolitischem Widerstand ist derzeit also nicht zu rechnen, doch bleibt das auch so, wenn der Krieg sich mit all seinen militärischen Verlusten und ökonomischen Kosten weiter in die Länge zieht?

Nur das „Afghanistan-Szenario“ könnte Putin gefährlich werden

Aus Sicht von Stefan Meister wäre ein dauerhafter Krieg in der Ukraine für Putin tatsächlich mit einem gewissen Risiko verbunden. Der Experte für russische Innen- und Außenpolitik spricht dabei von einem „Afghanistan 2.0 – Szenario“. Meister beschreibt eine historische Parallele zur sowjetischen Intervention von 1979 bis 1989 gegen die islamistischen Guerilla-Kämpfer der Mudschahedin, die im damaligen Stellvertreter-Konflikt des Kalten Krieges auch von westlicher Seite unterstützt wurden. Mehr als 13.000 sowejetische Soldaten kamen in den zehn Jahren ums Leben. Fast dreimal so viele wurden verletzt.

„Ein solches Szenario wäre militärisch fatal und würde das Land wirtschaftlich ausbluten lassen“, meint Meister. Der Status als Paria-Staat würde sich zementieren. Auch Putins Erzählung vom ruhmreichen Befreiungssieg wäre dann nicht mehr haltbar. Bei einem derartigen Kriegsverlauf sei es durchaus vorstellbar, dass der Druck aus der russischen Elite heraus zunehme. Dazu gehöre vor allem der Sicherheitsapparat mit seinen Geheimdiensten und Militärs sowie staatliche Wirtschaftsakteure, die ihre Nähe zu Putin bisher zur persönlichen Bereicherung genutzt hätten. „Erst wenn in dieser Gruppe die Unzufriedenheit wächst, wird es unangenehm“, sagt der Russland-Experte. Von einem Umsturzszenario sei man jedoch noch weit entfernt.

Putin rückt von seinen Maximalforderungen ab

Und doch wirkt es mittlerweile so, als wäre sich Putin zunehmend über die Risiken eines langen Krieges bewusst. Statt von „Entnazifizierung“ zu sprechen, was nichts anderes als ein Synonym für einen Regierungssturz darstellt, rücken nun Begriffe wie Neutralität, territoriale Ansprüche und Schutzgarantien in den Fokus der Verhandlungen. Ein Schritt weg also von den bisherigen Maximalforderungen. Ob sich daraus eine realistische Friedenschance entwickelt, lässt sich angesichts der entgegengesetzten Interessen der Konfliktparteien und dem täglichen Grauen des Krieges derzeit kaum abschätzen.

Meister hält es jedoch für wahrscheinlich, dass Putin alles daransetzen werde, die Hauptstadt Kiew zu erobern, um anschließend die Gebiete östlich der Metropole dauerhaft unter seine Kontrolle zu bringen. „Putin wird sich einen Teil der Ukraine herausschneiden und dann in Verhandlungen über ein Abkommen eintreten“, glaubt er. Dabei sei es für den russischen Präsidenten besonders wichtig, das Ergebnis der Invasion im eigenen Land als Sieg zu verkaufen. Ob sich die Hälfte eines 44-Millionen-Einwohner-Landes, in dem größtenteils eine anti-russische Stimmung herrscht, dauerhaft unterjochen lässt, daran hat auch der der Russland-Experte so seine Zweifel.

Und so ist nach einem Monat Krieg nur eines wirklich sicher: Eine schnelle und unkomplizierte Exit-Strategie gibt es für den russischen Präsidenten nicht. Zum Leidwesen der Ukrainer.

 





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